
Eine Literaturrecherche umfasst die Suche, Auswahl und kritische Auswertung wissenschaftlicher Quellen zu einer eingegrenzten Frage. Für eine Bachelorarbeit oder Masterarbeit legst du zunächst den Themenrahmen fest, suchst Literatur und vergleichst die Ergebnisse. Im geschriebenen Forschungsstand erklärst du die Zusammenhänge und den Bezug zu deiner eigenen Arbeit. Die Herkunft der Aussagen muss dabei nachvollziehbar bleiben.
Wenn dein Ordner voller PDFs ist, aber das Kapitel noch fehlt, beginne mit einer Frage: Was soll die Literatur für deine Arbeit klären? Die folgenden Schritte führen von der Fragestellung über ein Rechercheprotokoll und eine Literaturmatrix bis zu einem zusammenhängenden Absatz.
Was soll die Literaturrecherche leisten?
Die Recherche zeigt, wie andere Forschende ein Problem untersucht haben, welche Erklärungen sie verwenden und wo ihre Ergebnisse voneinander abweichen. Die University of Manchester empfiehlt, relevante Studien auch kritisch zu bewerten, etwa ihre Methoden und die Begründung der Schlussfolgerungen. Methodische Hinweise der University of Manchester
Kläre beim Lesen: Wie werden die zentralen Begriffe definiert? Welche Befunde gibt es? Lassen sie sich vergleichen? Woran kann deine Abschlussarbeit anknüpfen?
Beginne damit bereits bei der Themenwahl für die Abschlussarbeit. Ergänze die Recherche, wenn du deine Frage präzisierst oder eigene Ergebnisse einordnen musst.
Literaturrecherche Schritt für Schritt
1. Frage und Themenrahmen eingrenzen
„Lernen im Studium“ ist als Ausgangspunkt sehr breit. Für ein Arbeitsbeispiel verwenden wir die Frage: „Wie hängt das aktive Abrufen von Lerninhalten mit dem späteren Behalten bei Studierenden zusammen?“
Notiere die Zielgruppe, die untersuchte Lernaktivität und das Ergebnis, das dich interessiert. Lege auch fest, was zunächst außerhalb des Rahmens bleibt, etwa Studien mit kleinen Kindern. Nach einer ersten Orientierung kannst du diese Grenzen anpassen. Bei der Formulierung hilft der Beitrag über Hypothesen und Forschungsfragen.
2. Suchbegriffe und Synonyme sammeln
Zerlege die Frage in Begriffe und ergänze die in der Fachliteratur gebräuchlichen englischen Bezeichnungen. Suche nicht ausschließlich nach dem vollständigen Arbeitstitel.
| Bestandteil | Deutsche Begriffe | Englische Begriffe |
|---|---|---|
| Zielgruppe | Studierende, Hochschulstudierende | university students, undergraduates |
| Lernaktivität | aktives Abrufen, Übungstests | retrieval practice, practice testing, testing effect |
| Ergebnis | Behalten, langfristige Behaltensleistung | retention, long-term retention |
In Google Scholar kannst du mit "retrieval practice" "university students" beginnen. Für eine Datenbank mit entsprechender Syntax kommt beispielsweise (retrieval practice OR practice testing) AND undergraduate* infrage. Prüfe in der jeweiligen Hilfe, welche Operatoren, Suchfelder und Platzhalter unterstützt werden.
3. Geeignete Suchorte auswählen und die Suche protokollieren
Starte mit Google Scholar und den Angeboten deiner Hochschulbibliothek. Prüfe passende Fachdatenbanken, zum Beispiel ERIC für Bildungsforschung oder PubMed bei einer gesundheitsbezogenen Frage. Ob Scopus oder Web of Science verfügbar sind, erfährst du über die Bibliothek.
Die offizielle Hilfe von Google Scholar erläutert die Suche nach Autor und Titel, Zeitfilter und verfügbare Textversionen. Verfolge bei relevanten Artikeln auch deren Literaturverzeichnis und später erschienene zitierende Arbeiten.
Notiere Datenbank, Datum, vollständige Suchanfrage und Filter. Halte Änderungen fest, statt ältere Einträge zu überschreiben. So kannst du Suchwege wiederholen und die Auswahl erklären.
4. Relevanz und Qualität der Quellen beurteilen
Titel und Abstract helfen bei der Vorauswahl. Lies für eine vertiefte Besprechung den vollständigen Text, insbesondere Methode, Ergebnisse und Einschränkungen. Ein Abstract reicht in der Regel nicht aus, um eine Studie umfassend zu beurteilen.
Prüfe, ob der Text deine Frage behandelt, welche Personen untersucht wurden und wie die Forschenden den Gegenstand gemessen haben. Passen die Schlussfolgerungen zu den Ergebnissen? Gibt es spätere Arbeiten, die den Befund ergänzen oder infrage stellen?
Die Zahl der Zitationen ist eine Orientierungshilfe. Sie ersetzt keine Prüfung. Ältere Grundlagenarbeiten können weiterhin relevant sein; berücksichtige aber auch die weitere Entwicklung der Forschung. Beachte Vorgaben deines Fachbereichs zum Alter und zur Art der Quellen.
5. Eine Literaturmatrix anlegen
Verwende für alle Quellen dieselben Felder. Dadurch erkennst du schneller, welche Studien vergleichbar sind und welche Informationen noch fehlen.
| Feld | Inhalt |
|---|---|
| Autor, Jahr, Titel, DOI oder URL | Angaben zum Wiederfinden der Quelle |
| Frage und Ziel | Untersuchungsgegenstand |
| Stichprobe, Kontext und Methode | Herkunft der Befunde |
| Zentrales Ergebnis | Kurze Notiz in eigenen Worten |
| Einschränkungen | Grenzen der Übertragbarkeit |
| Bezug zur eigenen Arbeit | Zugehörige Frage oder Kapitelstelle |
| Seite oder Abschnitt | Fundstelle einer konkreten Aussage |
| Lesestatus | Abstract, Volltext gelesen oder Text noch benötigt |
Lade die leere Literaturmatrix als CSV herunter. Du kannst sie in Excel oder einem anderen Tabellenprogramm öffnen. Prüfe bei gemeinsam genutzten Ordnern die Berechtigung zum Teilen von Volltexten.
Literaturangaben lassen sich auch in Zotero verwalten. Die offizielle Einführung beschreibt das Sammeln, Ordnen und Zitieren von Quellen. Gleiche automatisch importierte Metadaten mit dem Original ab.
6. Befunde thematisch ordnen und zusammenführen
Baue die Gliederung nach inhaltlichen Fragen auf. In unserem Beispiel könnten das der Abstand zwischen Lernen und Prüfung sowie der Vergleich unterschiedlicher Lernaktivitäten sein.
Beginne einen Absatz mit einem konkreten Befund oder Problem. Vergleiche anschließend die relevanten Quellen und erläutere, welche Einordnung daraus folgt. Berücksichtige bei unterschiedlichen Ergebnissen auch Stichproben, Messverfahren und Untersuchungsbedingungen. Jede übernommene Aussage braucht einen nachvollziehbaren Beleg.
Beispiel: von der Notiz zum wissenschaftlichen Absatz
Die folgende Schreibübung verwendet die bibliografischen Datensätze und Abstracts zweier echter Studien. Sie ist keine vollständige oder aktuelle Übersicht über das Forschungsgebiet.
| Quelle | Notiz aus dem Abstract |
|---|---|
| Roediger und Karpicke, 2006 | Bei späteren Tests war vorheriges Testen dem wiederholten Lernen überlegen. |
| Karpicke und Blunt, 2011 | Aktives Abrufen war Concept-Mapping auch bei Verständnisfragen überlegen. |
Ein kurzer Beispielabsatz könnte lauten:
Die ausgewählten Studien sprechen für aktives Abrufen als Lernaktivität. Roediger und Karpicke (2006) untersuchten das spätere Behalten, während Karpicke und Blunt (2011) den Vergleich um Concept-Mapping und Verständnis erweiterten. Für eine Übertragung auf ein bestimmtes Studienfach müssen Materialien und Lernbedingungen auf ihre Vergleichbarkeit geprüft werden.
Der Absatz verbindet die Arbeiten und unterscheidet ihre Beiträge. Lies vor detaillierteren Aussagen die vollständigen Studien, ergänze neuere Literatur und passe die Belege an den geforderten Zitierstil an.
Wo steht die Literaturauswertung in der Abschlussarbeit?
Das hängt von Fach, Aufgabenstellung und Hochschulvorgaben ab. Der Forschungsstand kann ein eigenes Kapitel bilden oder in andere Abschnitte eingebunden sein. Bei einer Literaturarbeit kann die Beschreibung der Suche und Quellenauswahl Teil des Methodenkapitels sein.
Als Arbeitsgliederung eignen sich Problem und Begriffe, thematisch geordnete Befunde, ein Vergleich von Ergebnissen und Methoden sowie die Anknüpfung der eigenen Untersuchung. Gleiche dies mit dem Aufbau einer Abschlussarbeit und den Vorgaben deiner Betreuung ab. Eine allgemeingültige Seitenzahl oder ein fester Kapitelanteil lässt sich daraus nicht ableiten.
Wann ist eine Literaturrecherche systematisch?
Ein systematischer Review verlangt ein begründetes und transparent beschriebenes Vorgehen bei Suche, Auswahl und Bewertung der Forschung. Mehrere durchsuchte Datenbanken allein reichen für diese Bezeichnung nicht aus.
PRISMA bietet Leitlinien zur vollständigen Berichterstattung systematischer Reviews. Das Ausfüllen eines Flussdiagramms ersetzt keine Methode. Stimme Review-Typ und Berichtsstandard mit deiner Betreuung ab.
Richtig zitieren und typische Fehler vermeiden
Ordne jeder Notiz sofort eine Quelle zu. Kennzeichne wörtliche Auszüge und trenne sie von deiner Interpretation. Auch eine Paraphrase braucht einen Beleg und muss die ursprüngliche Aussage korrekt wiedergeben. Maßgeblich ist der Zitierleitfaden deines Fachbereichs, etwa APA, ein Autor-Jahr-System oder eine Fußnotenzitierweise. Siehe die Hinweise zu Online-Quellen und zum Unterschied zwischen Zitat und Paraphrase.
Prüfe vor der Abgabe besonders, ob der Text Quellen nur nacheinander zusammenfasst, Befunde ohne Kontrolle der Stichprobe verallgemeinert oder ausschließlich passende Ergebnisse auswählt. Gib eine Quelle, die du nur aus einem anderen Text kennst, nicht als selbst gelesenen Originalbeleg aus.
KI kann Suchbegriffe vorschlagen. Ob eine Quelle existiert und was sie aussagt, musst du am Original prüfen. Beachte die Hochschulregeln zu erlaubter Nutzung und Kennzeichnung.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Quellen brauche ich für eine Literaturrecherche?
Richte dich nach Aufgabenstellung und Hochschulleitfaden. Gibt es keine Mindestzahl, begründe die Auswahl mit Relevanz, Qualität und Abdeckung der Frage. Eine hohe Zahl allein zeigt nicht, ob wichtige Befunde und Unterschiede berücksichtigt wurden.
Ist die Literaturrecherche dasselbe wie das Literaturverzeichnis?
Nein. Die Recherche umfasst Suche, Auswahl und Auswertung. Das Literaturverzeichnis enthält die bibliografischen Angaben der zitierten Quellen. Der Vergleich und die Einordnung der Befunde gehören in den Text.
Darf ich ältere Studien verwenden?
Ja, wenn sie für die Frage relevant sind, etwa bei ursprünglichen Theorien oder Grundlagenstudien. Berücksichtige auch spätere Forschung und mögliche Vorgaben deines Fachbereichs zum Quellenalter.
Reicht Google Scholar für die Recherche?
Google Scholar ist ein geeigneter Einstieg. Ergänze abhängig von Fach und Review-Typ Fachdatenbanken und Bibliotheksangebote. Bei einem systematischen Review muss die Auswahl der Suchquellen methodisch begründet sein.
Wann kann ich mit dem Schreiben beginnen?
Wenn die Frage eingegrenzt ist, relevante Texte gelesen sind und du deine Notizen thematisch ordnen kannst. Suche und Schreiben können sich überschneiden. Halte offen gebliebene Punkte für die weitere Recherche fest.
Methodische Quellen und Beispielstudien
- University of Manchester: Literatur und Quellen besprechen.
- Google Scholar: offizielle Suchhilfe.
- Zotero: Einführung.
- PRISMA: Berichterstattung systematischer Reviews.
- Roediger und Karpicke, 2006: Datensatz und Abstract. DOI: 10.1111/j.1467-9280.2006.01693.x.
- Karpicke und Blunt, 2011: Datensatz und Abstract. DOI: 10.1126/science.1199327.
